1993 von Wolfgang Rudloff

 

 

Der „Eiserne Eversteiner“ für die Folkband LANDLUPER

„Schon die Teilnahme am 1. Folkherbst im Plauener Malzhaus war für uns Landluper eine Ehre. Wir konnten es zunächst gar nicht glauben, dass wir unter fünfzehn guten und sehr guten Gruppen mit durchschnittlich 6,6 Punkten in der Gunst des Publikums ganz oben standen und damit einen der begehrten Folkpreise erhalten konnten. Natürlich wissen wir fünf Landluper, dass ein solcher Preis verpflichtet“, so äußerte sich Matthias Walther, der „Chef“ der inzwischen sehr bekannt gewordenen Folkgruppe aus Plauen.

Vor 13 Jahren wurde die Gruppe im damaligen Jugendclub Malzhaus gegründet und gehörte recht bald zur als aufmüpfig geltenden Folkszene der ehemaligen DDR. In der Vogtland-Metropole hatten Folkloristen aller Schattierungen ihren öffentlichkeitswirksamen Treff- und Spielort und waren auch nicht zimperlich in der Nutzung gerade dieses Genres, ihren Unmut über Einschränkungen der Meinungsfreiheit in folkloristischer Verpackung zu artikulieren. Die Namensgebung der Gruppe „Landluper“ deutet darauf hin.

Nämlich einer der Künstler, den die Alt-Malzhäusler am meisten verehrten, war der niederländische Maler Hieronymus Bosch, der im 15. Jahrhundert auch Volksszenen und Volksgestalten mit aufschlussreicher Symbolik auf seine Bilder bannte. Auf zwei Werken, auf dem Heuwagen-Triptychon (Prado) und einem Rundbild (Rotterdamm), war jener „Landloper“ zu sehen, mit dem sich die engagierten Musiker bis zum heutigen Tag glaubhaft identifizieren. Denn Landloper waren in den Niederlanden von einst wissende und ganz bewusst auf ihre Unabhängigkeit bauende Landfahrer. Zu Boschs Lebzeiten sangen sie Lieder über die durch die Inquisition und Repressalien gedrückten und verfolgten Katharer, wie es aus dem flämischen Städtchen Löwen bekannt geworden ist. Landloper verkauften als Hausierer Löffel und Nadeln, um dabei ihre Auffassungen zu verbreiten. Jedem Insider der Folkszene, aber nicht allein ihnen, war die Sinnfälligkeit und das Verpflichtende dieser Namensgebung bewusst.

All das ist der geistige Hintergrund einer nun dreizehnjährigen Entwicklung, auf deren Wegstrecke in der ehemaligen DDR auch ein vorprogrammiertes einjähriges Auftrittsverbot liegt. Aber man konnte weder die Gruppe noch ihr Anliegen zu Fall bringen. Selbst der Rundfunk der DDR interessierte sich bereits seit 1980 für die Plauener Folkloristen. In Studios von Radio DDR wurden rund vierzig Titel aufgenommen und über den Äther verbreitet. Von 1982 bis 1990 überbrückte man die Zeit der Malzhausverbote mit Konzerten im Plauener Jazz-Club (Kulturbund) in Zusammenarbeit mit der Animationsgruppe „Tanztölpel“, mit „Musik aus der Scheune“ in Landwüst und Spiel in Kirchen des Vogtlandes. Auch bei Sonderaufgaben bewährte man sich. So beteiligten sich die Folkloristen auf eindrucksvolle Weise an der Aufführung eines Puppenspiels nach Kipplings „Weißer Robbe“ mit der Schauspielerin Maria Mägdefrau und ihrer Laientruppe. In der Reihe „Kunstbetrachtung“ traten die „Landluper“ als Mitgestalter auf. In besonderer Erinnerung des Publikums werden Abende zum Thema „Des Rebben Pfeifenrohr“ nach Kaplan-Illustrationen; „Kinderbuchillustrationen „Unterwegs“ von Jutta Mirtschin“; und „Peter Brueghel“ bleiben.

Schon die Auflistung der Einsätze verrät die Vielseitigkeit der Musikanten, über deren Zusammenhalt Matthias Walther im treffenden Vergleich einmal sagte: „So schön wie eine Ehe“. Heute gehören zur Folkgruppe „Landluper“ Ulrich Müller (Akkordeon, Gitarre), Holger Höflich (Cello, Bratsche, Trommel), Frank Hahn (Flöten, Klarinette), Matthias Walther (Gitarre, Mandoline, Banjo, Radleier, Maultrommel) und Rainer Müller (Gitarre, Trompete, Mitropa-Löffel).

Noch heute erinnert man sich gern an ehemalige Mitstreiter wie Almut Walther, Vasile Marian und Birgit Kunze. Im Laufe der Jahre profilierten sich die „Landluper“ immer mehr zu musikalisch agierenden „Brückenschlägern“ zwischen den Völkern und nahmen holländische, skandinavische, jiddische, rumänische Tänze und Lieder neben bekannten Weisen in ihr Programm auf.

Man wollte nicht nur Musik für das Publikum machen, sondern mit dem Publikum. Darin  liegt wohl das Geheimnis des Erfolgs. Überall im bayrischen und fränkischen Raum, wo man nach der Wende auftrat, wunderten sich die Menschen, dass es noch so ein urwüchsiges Musikantentum gibt. In Naila spielte man aus diesem Grunde bereits zum dritten Mal zu Straßenfesten auf. Mehrfach gab es begeisterten Beifall zu Konzerten im Münchner und Nürnberger Raum. Besonders gern spielte man zu Hochzeitsfeiern in der Gegend von Hof auf, wo es ganz nach Folkloristengeschmack etwas gutes zu essen und zu trinken gab. Ständige Kontakte bestehen zum „Isar-Folk-Club“, zur evangelischen Gemeinde in Coburg und anderen Kirchgemeinden.

Nun bereiten sich die lustigen „Spielgesellen“ auf wichtige Auftritte vor. Am 5.Mai wollen die Landluper zu einem Lichtbildervortrag „Skandinavische Impressionen“ im Malzhaus spielen und am 8. und 9. Mai stehen Auftritte in der Reihe „Musik in der Scheune“ (mit Brotbacken) im Bauernmuseum Landwüst ins Haus. Am 15.Mai will man zum 25-jährigen Flugplatzjubiläum in Hof mit von der Partie sein und vom 2. bis 4. Juli ist die Gruppe zu Europas wohl größtem Tanz- und Folkfest nach Rudolstadt eingeladen. Zum Herbst-Plenair des Kunstvereins Plauen-Vogtland im Oktober wird „Landluper“ untermalende herbstliche Weisen zu einem Lichtbildervortrag spielen.

Wer Konzerte der Gruppe je gehört hat weiß, dass der Funke einer aus ihrem freundschaftlichen Zusammenleben und –wirken kommenden musikalischen Spielleidenschaft sehr schnell auf das Publikum überspringt.

Dies brachte auch der Direktor des Vogtland-Konservatoriums, Friedrich Reichel, in seiner Laudatio bei der Preisverleihung am 27. Februar 1993 deutlich zum Ausdruck. Der Schirmherr des Folkherbstes, Oberbürgermeister Dr. Rolf Magerkord, ließ sich nicht nehmen, den „Eisernen Eversteiner“ in Gedenken an die wohl frühesten Bewohner der einstigen Everstein-Burg, vor einem kräftig applaudierenden Publikum selbst zu überreichen.

Aber nicht das genüssliche Spektakel einer für sie ermunternden Preisverleihung ist es, was Mut und Elan für zukünftige Aufgaben gibt, sondern mehr das ideelle Anliegen, mit Musik im weitesten Sinne friedensstiftend, völkerverbindend gegen den kleinkarierten, gewaltfördernden Geist, der um sich greift, zu wirken.

Wo Landluper spielt, kommen sich Menschen näher, tanzen und sprechen miteinander und werden sich dessen wohltuender Weise bewusst, was Robert Schumann einmal in kosmopolitischer Weitsicht über Volksweisen schrieb: „Sie sind die Fundgrube der schönsten Melodien und öffnen die den Blick in den Charakter der verschiedensten Nationen.“

 

Text: Wolfgang Rudloff (März 1993)